WEINGUT LEITGEB - ABFÜLLUNG des neuen Jahrgangs
von Sabine Hütter, 13. Februar 2026
Ein Erlebnisbericht von der Abfüllung des Wein-Jahrgangs 2025 von Sabine Hütter
Ich bin in der Steiermark geboren, habe in Graz studiert. Viele Jahre, die mich geprägt haben, bevor mich das Leben hinaus in die weite Welt katapultiert hat. Heuer kehre ich mit der Kamera zurück – um mitzuerleben, wie der neue Jahrgang in die Weinflaschen kommt. Es wurde deutlich mehr, als nur eine Reportage über einen Produktionsschritt.
Zwei Winzer bei der Arbeit - Engelbert Leitgeb (rechts) verkostet mit seinem Sohn Matthäus den neuen Jahrgang. Im Glas die Spätlese Sauvignon Blanc | Foto: Sabine Hütter, Salzburg ©by society-photography.at
55 Jahre Weingut Leitgeb – Eine Zeitreise zwischen Rebstöcken, Rieden und realistischer Zukunftsprognose
Als klassische Fotojournalistin, die seit Jahrzehnten durch die Weinberge Europas streift, von La Geria bis La Mancha und von der Mosel bis zur Rhône, komme ich immer wieder mit einem besonderen Gefühl nach Hause in die Steiermark: der Mischung aus Ehrfurcht vor der Tradition des Weinbaus, dem Respekt vor der Leistung der Winzer und dem Interesse an der Zukunft des Weines. Dieses Gefühl hat mich kürzlich wieder eingeholt, als ich das Weingut Leitgeb in Trautmannsdorf bei Bad Gleichenberg besuchte – ein Ort, der im Herzen der Südoststeiermark liegt und sich selbst seit 1999 das Steirische Vulkanland nennt.
Seit 55 Jahren ist das Weingut Leitgeb ein Leuchtum der Wein- und Buschenschankkultur in der Südost-Steiermark. Die Weinflaschen aus den 90er Jahren sind ein Stück dieser interessanten Historie | Foto: Sabine Hütter - © by www.society-photography.at
Es war ein klarer Märztag im Jahr 2026, die Reben noch kahl nach dem nahezu apokalyptischen Schneefall der letzten Februartage, aber die hektische Betriebsamkeit im Weingut und die Vorbereitungen zur Eröffnung der Buschenschank-Saison waren deutlich spürbar. Das Weingut Leitgeb feiert in diesem Jahr sein 55-jähriges Jubiläum. Fünfundfünfzig Jahre zwischen Weinstöcken und Wirtschaftlichkeit – eine Zahl, die Respekt einflößt. Engelbert ist seit Jahrzehnten nicht nur der Kopf des Weingutes, sondern auch das Gesicht, das seit Jahren als gelebtes Versprechen für hochwertige Weine, herzliche Gastlichkeit und unvergessliche Stunden steht.
Gemeinsam mit seiner Frau Karin und den drei erwachsenen Kindern Lisa, Anna und Matthäus führt er den Betrieb: Weingut, Buschenschank, Gästehaus und die „Vinosophie“, wie sie es nennen, ein sinnliches Gesamtwerk von Wein, Genuss, Musik und Kunst, welches in der Steiermark wohl einmalig ist und Raum bietet für Erlebnisse neben Brettljause und Weinverkostung.
Winzer Matthäus Leitgeb während der diesjährigen Abfüllung des Weinjahrgangs 2025 | Foto: Sabine Hütter, society-photography.at
Wir saßen in der gemütlichen Jagdhütte bei einem Glas ihres charaktervollen Riedenweins vom Steinberg. Es war ein Sauvignon Blanc. Während Engelbert fast spielerisch den Weinkorken zwischen den Fingern kreisen ließ, hätte er über „saftige Frucht, straffe Säure, mineralischen Nachhall, sehr gutes Reifepotenzial“ seines Weines referieren können, über die Beschaffenheit des Lehmbodens mit Muschelkalk. Aber wir kennen uns bereits zu lange, um das Offensichtliche zu thematisieren:
Der Wein ist ausgezeichnet und erfüllt alle Kriterien der höchsten Kategorie, wie aber ist es um die Zukunft des österreichischen Weins bestellt?
Ich wollte mit einem erfahrenen Winzer genau darüber diskutieren, über die Realitäten des Jahres 2026.
Traditionelle Weine sind auch heute noch im Sortiment des Weinguts Leitgeb, so werden Teile der hochwertigen Riedenweine immer noch mit Korkverschluss verschlossen | Foto: Sabine Hütter ©by www.society-photography.at
Der österreichische Weinkonsum schrumpft weiter: Im Wirtschaftsjahr 2025 lagen wir bei unter 26 Litern pro Kopf (Statistik Austria), ein weiterer Rückgang. Ein schleichender, aber unaufhaltsamer Trend. Von den fast 35 Litern der 80er sind wir mittlerweile weit entfernt.
„Wer trinkt heute noch Wein?“, fragte ich. Engelbert lächelte schief. „Die über 50-Jährigen, die mit Wein aufgewachsen sind. Und eine kleine, aber treue Schar Jüngerer, die gezielt Qualität und Erlebnis suchen – Terroir, Herkunft, Geschichte.“
Der klassische Alltagswein, der Schankwein für jeden Abend, verliert dramatisch. Stattdessen: gelegentlicher, bewusster Genuss, oft in der Gastronomie, oft teurer. Österreichischer Wein hält sich im Inland tapfer, doch der Gesamtabsatz schrumpft: Im Handel minus 5,2 Prozent an Menge 2025, in der Gastronomie/Großhandel minus 4,6 Prozent.
STEIRISCHE WEINFLASCHEN mit dem legendären ‘Panther’ am Flaschenhals bereit zur Abfüllung des neuen Jahrgangs | Foto: Sabine Hütter ©by www.society-photography.at
Die Ernte 2025 war ein Lichtblick: Nach der extrem kleinen 2024 (durch Frost und Hagel geschwächt) stieg die Produktion österreichweit um 37 Prozent auf 2,56 Mio. Hektoliter, in der Steiermark sogar um 54 Prozent.
Fruchtig, trinkfreudig, ausgeglichen sollen die Weine 2025 werden, so kann man den Pressemitteilungen entnehmen, die eiligst publiziert worden sind. Doch Menge allein rettet keinen Betrieb. Die Kosten explodieren: Handarbeit, Biodiversität, Klimawandelanpassung, Energie. Die Preise im Massenmarkt stagnieren oder fallen.
„Im unteren Segment verdient man kaum noch etwas“, sagt Engelbert. „Nur bei Premium – unseren Rieden- und Ortsweinen – und vor allem in der Direktvermarktung funktioniert es noch.“
Genau hier liegt die Stärke des Hauses Leitgeb. Der Buschenschank ist seit Jahren ein anerkanntes Refugium für Einheimische, aber auch für Kurgäste aus Bad Gleichenberg. Touristen suchen mittlerweile das Weingut Leitgeb gezielt auf. Das Gästehaus zieht Weinliebhaber und Thermenbesucher an. Events, Weinwanderungen, „Vinosophie“-Abende – das ist Erlebnis, nicht nur Produkt. Matthäus, der Sohn, bereitet die Nachfolge vor.
Er ist Repräsentant einer neuen Generation fachlich versierter Winzer, die eine ausgezeichnete, profunde Ausbildung in der Weinproduktion mit einem sehr guten Gespür für die nachkommenden Altersgruppen verbinden.
NEUER WEIN für eine NEUE ZIELGRUPPE - der fruchtige ‘K’ hat das Potenzial zu dem zeitgemäßen Kult-Wein für eine junge Zielgruppe zu werden. Der hochwertige Riesling besticht durch das intensive Zucker-Säure-Spiel. | Foto: Sabine Hütter, by society-photography.at
LIMITIERTE ABFÜLLUNG - vom ‘K’ Riesling werden lediglich 1.400 Flaschen abgefüllt | Foto: Sabine Hütter, ©by society-photography.at
IN VINO VERITAS – Im Wein liegt Wahrheit, aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass die konsumfreudigen 20- bis 35-Jährigen ein anderes Verhältnis zum Wein haben als ihre Eltern oder Großeltern. „Wir müssen die Rebe neu erzählen“, sagt Matthäus und sieht seinen Vater dabei an. „Um den Wein als attraktives Premium-Produkt auf Dauer am Markt anbieten zu können, muss Wein noch mehr zum Kult und wieder in Harmonie mit dem aktuellen Zeitgeist erklärt werden.“
Beim Abschied spazierten wir durch die Weinberge. Der Wind trug den Duft von feuchter Erde und nahendem Frühling. Engelbert blieb stehen, schaute über die Hügel. „Tradition bedeutet nicht, die Asche zu bewahren, sondern die Glut weiterzugeben“, sagte er – ein Satz, der in mir nachhallt. Im Vulkanland, wo der Boden Feuer geatmet hat, wissen sie: Man muss die Glut selbst nähren. Mit Qualität ohne Kompromisse, mit Mut zur Veränderung, mit der Fähigkeit, zu zeigen: Wein ist wertvoll, Wein hat eine Seele und eine Geschichte. Und Winzer wie Engelbert, Matthäus und ihre Familien tun alles dafür, dass er auch eine Zukunft hat.
55 Jahre Weingut Leitgeb: Eine Ära geht in die nächste Runde, sie wandelt sich und schreibt ein weiteres Kapitel. Wenn genug Winzerfamilien diesen Weg gehen – konsequent, authentisch, zukunftsoffen –, dann hat der österreichische Wein, hat das Steirische Vulkanland eine echte Chance. Nicht trotz des Wandels, sondern durch ihn. Und vielleicht trinken wir in zehn Jahren nicht wieder mehr Wein – aber bewusster, dankbarer und bereit, in dieses besondere Stück Steiermark und Heimat zu investieren.“
Fotostrecke
Eine kleine Auswahl der interessantesten Eindrücke während des Besuchs auf dem Weingut Leitgeb, Trautmnnsdorf (Vulkanland Steiermark) | Fotografie: Sabine Hütter – Society Photography Austria